Weberwiese –

Milieu sind wir! …

ist eine Initiative von Mieter*innen in einem denkmalgeschützten Gebäudekomplex im Milieuschutzgebiet Weberwiese in Berlin-Friedrichshain, gelegen zwischen Marchlewski-, Wedekind-, Gubener-, Grünberger-, Lasdehner- und Kadinerstraße. Unsere Gebäude umfassen 35 Aufgänge mit insgesamt knapp 500 Wohnungen, in denen hunderte Mietparteien wohnen, einige bereits seit dem Bau der Häuser im Jahre 1954.

Milieuschutzgebiet bietet keinen Schutz

Seit 2012 wurden die Häuser sukzessive in Eigentumswohnungen aufgeteilt, teilweise noch kurz vor Inkrafttreten des Milieuschutzes im Jahr 2016. Im Zuge eines Share Deals gingen die Wohnungen von dem in Berlin bekannt-berüchtigten Immobilieninvestor Taekker in den Besitz der White Tulip GmbH über und werden seitdem international unter dem Namen 54East vermarktet. Trotz Milieuschutz schreitet die Verwertung ungehindert voran. Wohnungen werden verkauft, zweckentfremdet, möbliert und auf Zeit vermietet  und damit dem regulären Mietmarkt entzogen. Der Schutz, der eigentlich die soziale Zusammensetzung der Nachbarschaft sichern soll, bleibt in der Realität für uns wirkungslos.

Unser Kernproblem: Verkauf der einzelnen Wohnungen

Ungeachtet der maroden Zustände im Inneren der Häuser wird der Abverkauf der einzelnen Wohnungen konsequent weiter betrieben. Im Auftrag unserer Eigentümerin White Tulip GmbH und ihrem Firmennetzwerk zugehörigen Hausverwaltung Residea Immobilien Management GmbH ist die Maklerfirma Prints Immobilien aktiv damit beschäftigt, die Einheiten zu veräußern. In vielen Häusern wurden bereits zahlreiche Wohnungen verkauft, während dringend notwendige Sanierungen und Instandsetzungsarbeiten der Rohre, Wasserleitungen oder Elektrik ausbleiben und diese Verantwortung auf zukünftige Eigentümer*innen abgewälzt werden.

Profitsteigernde Strategien – buy – hold – sell

Demzufolge scheint die Strategie, die White Tulip GmbH mit unseren Häusern verfolgt, offensichtlich. Ankauf der Häuser, optische Aufwertung, spekulatives Abwarten der Immobilienwertentwicklung und Weiterverkauf der einzelnen Wohnungen. Nachdem über Jahrzehnte keine Instandhaltung stattfand, wurden in den vergangenen Jahren sukzessive Fassaden und Treppenhäuser denkmalgerecht saniert – jedoch vor allem, so scheint es, zum Zweck der besseren Vermarktung. Im Inneren der Häuser und der vermieteten Wohnungen bleiben fundamentale Mängel weiterhin bestehen.

Entmietungs-Management

Seit mehr als 10 Jahren erleben wir ein faktisches Entmietungs-Management. Wohnungen werden nach Auszug nicht wieder regulär als Dauermietwohnung vermietet, sondern gezielt dem Mietmarkt entzogen oder anders verwertet. Gleichzeitig werden Mieter*innen durch Kaufangebote oder geringe Abfindungen von Prints Immobilien zum Auszug gedrängt. Dadurch entsteht zusätzlicher Druck auf die verbliebene Mieterschaft, während der Verkauf weiter voranschreitet und sich die Bevölkerungszusammensetzung im Milieuschutzgebiet stückweise verändert.

Zweckentfremdung: Leerstand – möbliertes Wohnen – Monteurwohnungen

Das Häuserensemble gleicht inzwischen einem Schweizer Käse: Neben bereits verkauften Wohnungen gibt es zahlreiche Leerstände, teilweise seit mehr als 10 Jahren. Andere Wohnungen werden möbliert und befristet vermietet –  zu exorbitanten Preisen und vorbei am regulären Mietmarkt über Plattformen und Drittfirmen wie Wide Vision Investement GmbH, habyt, Wunderflat, spacest.com, housinganywhere oder home4time.

Obwohl die möblierte Vermietung auf Zeit im Milieuschutzgebiet durch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg untersagt wurde, wird sie weiterhin praktiziert: als WG-Zimmer, als Mehrbettzimmer für Saison- oder Monteurarbeiter oder als hochpreisige Apartments. Diese Angebote richten sich nicht an die Gebietsbevölkerung, deren Zusammensetzung mit dem Milieuschutz bewahrt werden soll, sondern ist auf nur vorübergehend in Berlin Wohnende mit höheren Einkommen zugeschnitten. Durch die befristete Vermietung entfalle die Wohnung als Dauerwohnraum, den die Bewohner*innen des Gebiets benötigten und das Preisniveau des Mietspiegels wird damit beeinflusst.

Nicht-Instandsetzung und Vernachlässigung der Fürsorgepflicht von White Tulip

Während die äußere Erscheinung vieler Gebäude verbessert wurde, bleibt der Zustand im Inneren marode: kaputte Heizungen mit tagelangem Heizungsausfall im Winter, stark sanierungsbedürftige Wasserleitungen, ausbleibendes Warm- oder Kaltwasser, wiederkehrende Rohrbrüche, überflutete Keller und eine teils erhebliche Verfärbung und Belastung des Trinkwassers durch Legionellen, so dass in einigen Häusern bereits Duschverbot erteilt werden musste.

Gleichzeitig reagiert die Hausverwaltung Residea Immobilien Management GmbH oft monatelang nicht auf die Anliegen von uns Mieter*innen. Dringend notwendige Instandhaltungsmaßnahmen werden verzögert oder gar nicht umgesetzt. Die Eigentümerin White Tulip GmbH kommt ihrer Fürsorgepflicht gegenüber uns, den Mieter*innen in nicht nach – wir sind den katastrophalen Zuständen weitgehend selbst überlassen. Auch an dieser Stelle wird offensichtlich, dass es sich hier um rein profitorientierte Verwertungsstrategien handelt und dringend notwendige Investitionen nicht getätigt werden.

Zu teuer und zu marode – kein Ankauf durch landeseigene Wohnungsunternehmen

Wir als Mieter*inneninitiative streben seit 2023 durch zahlreiche Bemühungen und Ansätze im Dialog mit der Politik eine gemeinwohlorientierte Lösung an – etwa durch den Ankauf durch landeseigene Wohnungsunternehmen oder Genossenschaften. Dies scheitert bislang an den Rahmenbedingungen. Die aufgerufenen Kaufpreise von White Tulip sind zu hoch, die notwendigen Sanierungskosten erheblich. Gleichzeitig fehlt es an politischen Instrumenten und finanziellen Mitteln, um bereits aufgeteiltes Eigentum in größerem Umfang zurückzuführen. Ein Ankauf ist in unserem Fall nicht darstellbar.

Damoklesschwert Eigenbedarfskündigung

In einigen Häusern ist der Verkauf bereits weit fortgeschritten. Seit 2022 werden Mieter*innen erneut gezielt kontaktiert, um zum Auszug zu bewegt zu werden. Für die Mehrheit von uns ist das jedoch keine echte Option – bezahlbarer Wohnraum ist in Berlin kaum noch zu finden.

Was sich bei uns ausbreitet, ist neben der realen Angst, durch eine Eigenbedarfskündigung die eigene Wohnung zu verlieren, vor allem eines: Wut. Wut darüber, dass preiswerter Wohnraum, einst vom Land Berlin veräußert, heute von unserer Eigentümerin White Tulip GmbH zu Höchstpreisen auf den Markt geworfen wird. Unsere Realität als Bestandsmieter*innen wird politisch nicht ernst genug genommen – obwohl wir längst kein Einzelfall mehr sind, sondern exemplarisch für den kollabierenden Berliner Wohnungsmarkt stehen. Gleichzeitig betreibt 54East unmittelbar neben dem Amazon Tower auf Werbetafeln Marketing mit Original Berliner Flair – Dein eigenes Stück Berlin mitten in Friedrichshain – Eigentumswohnungen mit Charakter – und zerstört im selben Atemzug das, was Berlin ausmacht, nämlich wir, das Milieu, die Menschen, die hier ihre Existenzgrundlage zum Leben haben und brauchen. Während Immobilieninvestoren ihre Renditen sichern, tragen wir die sozialen Folgen – mit wachsender Unsicherheit, Verdrängungsdruck und dem schleichenden Verlust unserer Nachbarschaft.

Wir sind keine anonyme Zahl im Portfolio. Wir sind Nachbar*innen, Menschen mit gewachsenen Beziehungen und Lebensrealitäten. Unser Anliegen als Mieter*inneninitiative bleibt der Erhalt unseres Zuhauses. Deshalb organisieren wir uns, vernetzen uns und schaffen weiterhin Öffentlichkeit – auch mit Blick auf das reale Risiko von Eigenbedarfskündigungen, sobald der Abverkauf in unseren Häusern weiter voranschreitet.

Weberwiese – Milieu sind wir!

 

Disclaimer: Für die hier genannten Daten erheben wir keinen Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit.