70 Jahre Wohnkomplex

Weberwiese Süd

Berlin-Friedrichshain, 1955
„An der jetzigen Jägerklause in der Wedekind-/Gubener Straße hinter der Weberwiese stand die Suppe für die zur Einweihung geladenen Gäste schon auf dem Tisch, aber das Stadtbauamt war damit gar nicht einverstanden. Es fehlte für diese Gaststätte, wie für die 800 bezugsfertigen Wohnungen, die Baugenehmigung.“ (1)

Die Suppe muss im Dezember 1955, also vor genau 70 Jahren, auf den Tischen gestanden haben, denn in dem Monat wurden die Häuser übergeben, wie man aus Dokumenten erfahren kann, die im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung verwahrt werden. Anarchie? Für ihn nur eine „lustige Situation“, meinte Rudolf Weise (1907-1991), der diese Anekdote 1987 in einem Brief erzählte.
Er war im Entwurfsbüro für Hochbau Berlin als Leitarchitekt und Projektant für den Wohnkomplex Nante-Eck/ Rüdersdorfer Straße/ Weberwiese Süd verantwortlich. Unter diesen Bezeichnungen kann man das Ensemble in den Papieren im Nachlass des Architekten finden. 1957 schrieb er in einem Bericht mit dem Titel „Städtebauliche Lösung. Wohnkomplex Rüdersdorfer Straße“: „Der Gebäudekomplex liegt in unmittelbarer Nähe der Stalinallee, hinter der Weberwiese. Die Aufgabe bestand darin, mit bescheidenen Mitteln ebenfalls einen in sich zusammengehörigen Wohnkomplex zu schaffen. Die einzelne Wohnung durfte dabei nicht über DM 28.000,- kosten. Alle Wohnungen wurden an das Fernheizwerk [heute der Club Berghain, I. G.] angeschlossen.“ (2)

Rudolf Weise (1907-1991). Passbild im Ausweis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, IG Bau/ Holz, 1955. IRS Erkner, Wiss. Samml., Nachlass Rudolf Weise.

Beeindruckend ist, was in diesem Häuserensemble mitgedacht wurde, neben den Wohnungen wurden auch eine Gaststätte, eine städtische Bibliothek und sechs Läden projektiert und gebaut. Gleichzeitig planten Architekten die Grünflächen der Höfe.
Mit den Bildhauerarbeiten für den Gaststätteneingang, den Durchgang zur Lasdehner Straße, das Kapitell des Turms u. a. wurde im Frühjahr 1954 der freischaffende Künstler Gottfried Kohl, damals Leiter der Bildhauerwerkstatt beim Aufbaustab, beauftragt. Den Auftrag „für die künstlerische Ausgestaltung“, die Inneneinrichtung der Gaststätte und die Ausführung des Kohl’schen Entwurfs für das Feld über dem Durchgang erhielt das Künstler-Kollektiv Prescher van Ed. Der Vertrag wurde im Dezember 1954 geschlossen, also ein Jahr vor Abschluss der Bauarbeiten. (3)

Brigade Weise: NAP (Nationales Aufbauprogramm). Entwurf des Wohnkomplexes Gubener, Lasdehner, Grünberger, Wedekindstraße, zeichnerische Darstellung. Ebenda.

Prof. Walter Prescher van Ed (1949 Ordentl. Professor an der Kunstakademie Dresden) und sein Kollektiv arbeiteten bis 1955 mit dem VEB Spezialbetrieb zur Produktion von Keramiken in Ottendorf-Okrilla bei Dresden zusammen. In den Bauabschnitten I-V sollten in fünf Objekten bestimmte Themen mit Keramik bzw. Gipsglättputz gestaltet werden:

  • Bücherei Wedekindstraße 24: „Vier Jahreszeiten“ (z. Z. Leerstand, zuvor Residea-Lager, Hausverw.),
  • HO-Gaststätte und HO-Stehbierhalle Grünberger Straße (heute „Jäger&Lustig“), Buntglasfenster mit folkloristischen Motiven und besonderes Inventar sowie Keramik für das Buffet der Stehbierhalle,
  • Konsum Gemüse Marchlewskistraße nach Nr. 50: Thema „Weinernte, Obsternte mit figürlicher Darstellung“ sowie Konsum Lebensmittel links davon: Thema „Saat und Ernte“ (heute Kita),
  • Konsum Obst und Gemüse, Motiv „Obstranken mit Tieren“ und HO Fleischwaren, Keramik, Thema „Hirte mit Hund und Schafen“ – beide Gubener Straße zwischen Nr.11 und 12 (heute Residea).

(Auf Lageplänen aus dem Jahr davor finden sich auch andere Zuordnungen für die Läden in der Gubener: zunächst in Nr. 12 HO Fleischwaren, in Nr. 11 HO Backwaren, dann zwischenzeitlich Konsum Lebensmittel und Konsum Gemüse.) (4)

Wo die Läden waren, kann man von außen noch erkennen, z. B. an der Seite des Hochhauses an der Weberwiese den Schriftzug Konsum, in der ehemaligen Bücherei und im damaligen HO-Schreibwaren-Laden (heute Friseur) neben der Gaststätte kann man noch die eingebauten Wandregale sehen, im Restaurant „Jäger&Lustig“ die Fenster. Till Peter Otto, stellv. Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Friedrichshain-Kreuzberg, trägt Sorge für das architektonisch wertvolle Häuserensemble und bemüht sich, die Eigentümer für seine Ziele zu gewinnen. Dass diese Häuser privatisiert wurden und den Regeln des Marktes unterliegen, erschwert das natürlich, ganz zu schweigen von der Unsicherheit für die Mieter*innen der inzwischen umgewandelten (also für einen separaten Verkauf vorbereiteten) Wohnungen.
Als die Hausverwaltung Residea, die sich offiziell zum Denkmalschutz bekennt, im vergangenen Sommer Dächer und Fassaden einiger Häuser sanierte, erforschte sie allerdings den Farbton der damaligen Fassaden nicht gründlich genug, denn sonst wären die Häuser jetzt nicht beige-bräunlich, sondern gelblich, also wesentlich freundlicher. Das wissen wir, weil zunächst auch 1955 eine falsche Farbe aufgetragen wurde. Rudolf Weise, ein wohl sehr hartnäckiger Verhandlungspartner, und seine Kollegen setzten durch, dass der VEB Hochbau das auf eigene Kosten korrigieren musste. (5)

Es beeindruckt, welche architektonischen Ideen Rudolf Weise im Häuserensemble Grünberger/ Gubener/Wedekindstraße trotz des Drucks zu sparen umsetzte. Im oben zitierten Bericht heißt es: „[…] 2 Straßen [wurden] durch Überbauung abgeschirmt, erzielt wurden dadurch klarere Verhältnisse im Straßenraum und eine ruhige Lage des Hintergeländes. Ganz besonders dient der Durchgang nach der Lasdehner Straße nur dem Fußgängerverkehr und ist der Weg der Kinder zur Schule und zum Kindergarten.“ Darum ist über diesem Durchgang das Relief „Singende und spielende Kinder“ zu sehen. Weiter erklärt er: „Jede auf die platzartige Erweiterung führende Straße wird als Strassenraum abgeschlossen und wird zu einem Blickpunkt für größere Entfernungen. Die ebenfalls im Blickpunkt stehende Gaststätte ‚Nante-Eck‘ mit [ihrem] vorgelagerten Garten ist Mittelpunkt dieses Wohnkomplexes […].“ - Vom Turm aus hätte man darauf einen besonders guten Blick.

Das „Platzartige“ wird auch durch die große Fläche zwischen Gubener 18 und 17 bewirkt, die sicher ebenso wie die Höfe ein Ort für Begegnungen sein sollte. Die Durchgänge zu den grünen Höfen waren offen, sie mit Toren zu verschließen, hätte Weise ganz sicher abgelehnt. Er musste nicht an private Haus- bzw. Wohnungseigentümer*innen denken. Dass hier kein Eckhaus gebaut wurde, sparte natürlich auch Kosten und der Verzicht auf Eckhäuser wurde damals diskutiert. Ob also hier die Kreativität die Kostenersparnis bewirkte oder das Sparziel die Kreativität, wissen wir nicht.

Auf einem Kolloquium am 25. Oktober 2025 in der Alten Feuerwache, das der Verein Stalinbauten e. V. organisiert hatte, sprach der Architekt und Publizist Wolfgang Kil in seinem Vortrag über Rudolf Weise über genau diesen Eindruck eines Platzes und hob die Kreativität des Architekten, der von 1930-32 am Bauhaus studiert hatte, hervor. Die Bauhaus-Prägung, so betonte er, zeige sich u. a. an dem kleinen Postgebäude an der Jannowitzbrücke (1965), heute vernachlässigt und wenig beachtet (z. Z. ein Club) und an einem Entwurf für eine Gedenkstätte für das Vernichtungslager Auschwitz aus den 60er Jahren, der im Sommer 2025 in der Ausstellung „Pläne und Träume – Gezeichnet in der DDR“ der Tchoban Foundation für Architekturzeichnung zu sehen war.

Es ist gut, dass sich außer dem Denkmalschutz und der Weberwiese-Initiative nun auch Architekturhistoriker für Rudolf Weise interessieren, über den noch so viel zu sagen wäre, über den man aber bis jetzt nur selten etwas lesen kann und der nicht nur in Berlin, sondern auch in Chemnitz, Güstrow, Sömmerda und anderen Orten Spuren hinterlassen hat. Sein Wirken in Güstrow, wo er – gelernter Maurer, Bautechniker und Architekt - mit ca. 30 Jahren den Neubau einer Schule als Architekt, Projektant und Bauleiter verantwortete, hat die Publizistin Christel Sievert in einem interessanten Beitrag für das Güstrower Jahrbuch 2019 beleuchtet. (6)

Um auf die Baugenehmigung des Stadtbauamts zurückzukommen: Es sei eben „eine besondere, zeitbedingte Situation“ gewesen, so Weises lakonischer Kommentar im bereits zitierten Brief. Stolz ergänzte er: „Ich habe Gründe genug anzunehmen, dass die Projektierungszeit, die gleichzeitig Ausführungszeit war, heute nicht unterboten wird. Die vielen liebenswerten Details bezeugen den Umfang der damaligen Bemühungen.“ - Wer die Häuser dieses Wohnkomplexes mal genauer betrachtet und sich das, was nicht mehr zu sehen ist, vorstellen kann, wird ihm zustimmen.
Warum findet sich niemand, der dieses denkmalgeschützte Häuserensemble Weberwiese Süd als Ganzes bewahrt?

I. G.

Breitenbruch, DEWAG: Fotografie für das Entwurfsbüro Hochbau I, nach 1955. DEWAG/ IRS Erkner, Wiss. Samml., Nachlass Rudolf Weise. [Rechte des Fotografen nicht zu ermitteln.]
Wedekindstraße Dezember 2025. Foto: Peter Ulrich

Fußnoten

1 Rudolf Weise: Brief an K. Sorgenicht vom 16. Juni 1987. IRS Erkner, Wiss. Samml., Nachlass Rudolf Weise.
2 Rudolf Weise (für Entwurfsbüro Hochbau I): Bericht „Städtebauliche Lösung Wohnkomplex Rüdersdorfer Straße“, 13.9.1957. IRS Erkner, Wiss. Samml., Nachlass Rudolf Weise.
3 Vertrag zwischen dem Entwurfsbüro Hochbau I Groß-Berlin mit dem Künstlerkollektiv Prescher van Ed, 15.12.1954. Mit Kohl muss die Arbeit früher geregelt worden sein, am 7.5.1954 stellte er schon die erste Rechnung für Entwürfe. Ebenda.
4 Lagepläne NAP 1953 Block 108, 109, 110, 111. Ebenda.
5 Schreiben des Entwurfsbüros an den VEB Hochbau. 28.7.1955. Ebenda.
6 Christel Sievert: Leben und Wirken des Architekten Rudolf Weise. In: Neubert, Friderike-Christiane (Hrsg.): Güstrow. Jahrbuch 2019, Güstrow 2019, S. 174-181.

Alle Dokumente: Wissenschaftliche Sammlungen IRS. Nachlass Rudolf Weise. C 28, in der Reihenfolge 1-5 C.28: 052, 186, 186, 099 u. 100, 186. Abbildungen: C.28: 066, 130, 023.